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Als Mitte der 70er Jahre mein damaliges Traummotorrad, die Honda CB 750, in Deutschland Furore machte, fuhr ich eine Zündapp 50er, später als erste Klasse 1- Maschine eine Hercules K 125 S und mit 20 reichte das Geld dann gerade so eben für eine gebrauchte CB 500 Four, das kleinere Schwesternmodell, die mir 200.000 km lang die Treue hielt. Natürlich umgebaut mit Habermann-Vollverkleidung etc. - ein klassischer Look war damals noch kein Thema. Die Motorräder kamen und gingen aber eine Four war nie wieder dabei. Doch alte Liebe rostet bekanntlich ja nicht und angesteckt von der laufenden Retro-Welle verstärkte sich im Sommer 2015 mein Wunsch nach einem klassischen schnörkellosem Motorrad mit solider Technik und möglichst wenig Elektronik, dass ich technisch überholen und optisch umgestalten wollte. Das Projekt sollte dabei aber zeitlich wie finanziell in begrenztem Rahmen bleiben (ein Jahr/ ca. 2.500,- €). Ein echter Oldtimer schied aus Kosten/Zeitgründen daher aus, restauriert ist er zu teuer, unrestauriert ist der Zeitaufwand beträchtlich. Außerdem sollte die Maschine ein vernünftiges Fahrwerk, passable Bremsen etc. besitzen und voll alltags- und tourentauglich sein.

 

Meine „kleine" Four 1980

 

Die Qual der Wahl

Nach langem Überlegen fiel meine Wahl auf die Honda CB 750 F2 Sevenfifty (RC42), der letzte legitime Nachfolger der alten Four. Hondas legendärer Qualitätsstandard der 90er-Jahre gepaart mit hohen Zulassungszahlen des Modells und damit guter Ersatzteilversorgung gaben den Ausschlag. Ein weiterer großer Pluspunkt war der standfeste, langlebige und dank Hydrostößeln extrem wartungsarme Motor. Das Angebot an gebrauchten Motorrädern ist riesig und die entsprechenden Online-Plattformen bieten reichlich Auswahl. Eine Internet-Recherche ergab erfreulich günstige Angebote: 3 Maschinen um die 1000,- € standen in 80 km-Umkreis zur Auswahl. Gekauft habe ich dann im August 2015 ein 94er Exemplar, mit knapp über 50.000 km Laufleistung und 2 fast neuen Reifen (DOT 2014 !) für unglaubliche 850,- €. Billiger geht es kaum, selbst beim Verkauf der Maschine in Teilen hätte ich noch Geld verdient! Das Motorrad war keine Schönheit aber optisch gut erhalten. Ein paar Macken wiesen auf leichte Sturzschäden/Umfaller hin und 5 Vorbesitzer waren im alten Brief eingetragen - ein durchaus bewegtes Leben. Auf den ersten Blick erkennbar, waren nur 3 Mängel: eine angerostete Auspuff-Anlage im Bereich des Sammlers, eine stark riefige hintere Bremsscheibe sowie eine defektes Federbein, aus dem Öl austrat. Da es sich noch um die alten Original-Showa-Federbeine handelte, war ein Tausch ohnehin fällig. Eine Probefahrt verstärkte den grundsätzlich positiven Eindruck – die Sache war geritzt.

 

Gut und günstig: die 850,- € Ausgangsbasis

 

Bestandsaufnahme

Wie natürlich zu erwarten war, zeigten sich bei der späteren systematischen Überholung allerdings noch weitere Mängel. Die Sitzbank war schon mal unprofessionell aufgepolstert worden und deshalb zu weich (wollte ich ohnehin umbauen), das Lager im Kettenradhalter war defekt (die Lager sollten sowieso gewechselt werden) und das Vorderrad hatte einen Seitenschlag, den man beim Fahren interessanterweise überhaupt nicht bemerkte (für 79,- € als Gebrauchtteil erstanden). Alles in allem also ein wirklich guter Kauf. Die Maschine war optisch weitgehend im Original-Zustand, der Tank innen rostfrei und der Lack recht gut erhalten. Außerdem waren schon Mini-Blinker, die gut zum angestrebten Retro-Stil passten, andere Lampenhalter und ein höherer Lenker (der auf meiner Wunschliste stand) verbaut. Einzig das scheußliche LED-Rücklicht fiel aus dem Rahmen. Bei einem 21 Jahre altem Motorrad bietet sich zunächst eine Bestandsaufnahme an und so stand am Anfang eine systematische Kontrolle: Vergaser (waren sauber und nur leicht verstellt), Elektrik (kein Kriechstrom/Spannungsabfall), Zündkerzenbild (gleichmäßig rehbraun) und Kompressionstest (Werte gleichmäßig und im Sollbereich) - alles in Ordnung! Die Basis stimmte also und das Projekt konnte in Angriff genommen werden. Da aber Fettfüllungen, Öle und Gummidichtungen unabhängig von der Laufleistung altern und die unvermeidliche Korrosion allen Metallteilen zusetzt, musste trotzdem viel gereinigt, geschmiert, entrostet und poliert werden. Im Zusammenhang mit dem Umbau der Maschine ließ sich aber natürlich vieles kombinieren. Sehr empfehlenswert ist es, die Newsletter der großen 3 Motorrad-Discounter (Louis, Polo und Gericke) zu abonnieren. Sowohl Ersatzteile als auch Werkzeug/Schmierstoffe werden im Zuge von Sonderaktionen oft deutlich unter dem Normalpreis angeboten (z.B. Stahlbusventile, Öle, Bremsscheibe etc.) - so lässt sich eine Menge Geld sparen.

 

         

 

Gut in Schuss: Eine intensive Prüfung ergab ein erfreuliches Gesamtbild

 

Der Zeit-Faktor

Wichtig bei einem Umbau ist der Faktor Zeit, denn so ein Projekt sollte reifen wie ein guter Wein. Die besten Ideen entstehen erst nach und nach und manche Vorstellungen lassen sich oft aus Kostengründen nicht realisieren. Viel Spaß machte auch das Suchen im Internet (z.B. Cafe-Racer-Forum) nach Teilen und Ideen sowie das Improvisieren. Das Projekt veränderte sich im Grunde ständig, geplante Änderungen wurden verworfen, neue Ideen umgesetzt. Dass sich der geplante Zeitrahmen (zur Erinnerung: 1 Jahr) am Ende fast verdoppelt hat, lag nicht an der Maschine sondern wie üblich an beruflichen Gründen. Es kommt eben allzu oft etwas dazwischen.

Stück für Stück der Weg zum Glück

Begonnen habe ich mit der Frontpartie: Technisch standen hier Radlager/Lenkkopflagerwechsel, Gabelöl und Simmering-Tausch, Reinigen der Bremsanlage und Einbau von Stahlflex-Leitungen an. Optisch aufgewertet wurde die Front durch die Lackierung der unansehnlichen silber-grauen Gussräder in Original-Farbe (Candy-Wave-Blue), ein verchromtes Scheinwerfer-Gehäuse (hatte ich noch in einer Kiste), ein schönes kurzes Chrom-Schutzblech (von Chop-it), Faltenbälge (einer Harley!), ein verchromtes Instrumenten-Gehäuse (Polo), 2 neue runde Spiegel sowie Vibrationsvernichter in Maschinenfarbe (Louis). Am schwierigsten war der Bau einer Halterung für das neue Schutzblech. Ein altes NTV-Teil leistete als Basis gute Dienste. Da Tank, Motor und Seitendeckel technisch und optisch in Ordnung waren, kamen als nächstes die Auspuff-Anlage und die Sitzbank an die Reihe. Das Polieren der Krümmer und das Entrosten und Lackieren des Mittelteils der Auspuffanlage war besonders zeit- und arbeitsintensiv, das Endergebnis aber sehr erfreulich. Die viel zu weiche und unansehnliche Sitzbank ließ ich vom Profi Niklas Lange nach meinen Vorstellungen passgenau und auf mein Gewicht abgestimmt anfertigen. Der abgesteppte Bezug betont sehr schön den Retro-Stil. Blieb noch die Heckpartie. Technisch standen der Austausch der Federbeine (teuer!), der Radlager und der Bremsscheibe sowie der Einbau einer Stahlflexleitung an, optisch die Lackierung des Hinterrads und der dezente Umbau des Hecks. Um die Funktionalität zu erhalten (Werkzeugfach, abnehmbare Sitzbank), verzichtete ich auf eine Kürzung des Hecks und ersetze die von einem Vorbesitzer montierte grauenvolle Led-Leuchte durch ein selbst gebautes Doppelrücklicht. Das Original-Rücklicht war auch nicht wirklich besser, es sieht aus wie ein Restbestand aus dem LKW-Bau. Das Motorrad stand (außer im Winter) aber keineswegs nur in der Garage sondern wurde ständig genutzt und durfte 2016 sogar zum Treffen nach Glemseck.

Kosten-/Zeitrahmen

Der geplante Kosten-Rahmen konnte im Großen und Ganzen eingehalten werden. Ca. 2700,- kamen am Ende zusammen. Neben den 850,- € Kaufpreis entfielen ca. 1000,- € auf Ersatzteile und ca. 800,- € auf optische Verbesserungen. Den Zeitaufwand kann ich nur grob schätzen, es werden ca. 100 Stunden gewesen sein. Doch selten hat mir Arbeit so viel Spaß gemacht! Das Motorrad befindet sich jetzt auch technisch in einem exzellentem Zustand und damit verbunden ist natürlich auch eine entsprechende Wertsteigerung.

Tourenpaket

Da ich die Maschine auch auf Reisen einsetzen möchte, hab ich ihr auch noch ein Tourenpaket spendiert. Lackschutzfolie an Scheuerstellen, die sehr schön zum Stil der Maschine passenden Qbag-Seitentaschen (Polo) und ein Mini-Gepäcktrager (Ebay), der sich blitzschnell montieren und entfernen lässt, kosteten nochmal knapp 250,- €.

 

Gute Figur auch auf der Tour

 

Fazit

Die restaurierte und geliftete Sevenfifty ist mir richtig ans Herz gewachsen. Sie sieht aus wie ein Motorrad der 70er: Klare Linie, runde Formen, viel Chrom. Sie ist ein ideales Motorrad für Landstraßen und kleinere Touren. Der elastische Motor, die komfortable Sitzposition und das problemlose Fahrwerk sorgen für viel Fahrspaß. Für die Autobahn und lange Reisen ist sie weniger geeignet, da nehme ich eh meine gute alte NTV mit Verkleidung, Kardan und Gepäcksystem. Vor allem aber ist meine Four ein Unikat, entstanden aus Kreativität und Freude am Schrauben, mein ganz persönliches Stück Motorrad.

Um die Maschine zu Abschluss der Umbaumaßnahmen ins rechte Licht zu rücken ging es zur Fotosession in den Landschaftspark-Nord in Duisburg-Meiderich. Die alte Eisenhütte, die langsam von der Natur zurückerobert wird und ein zweites Leben als Freizeitpark führt, erschien mir der würdige Hintergrund für die abschließende Dokumentation meines Recyling-Projekts und wie zur Belohnung für die Mühen war auch die Sonne zur Stelle.

 

Frontansicht

 

Rückansicht

 

 

A never ending story

Obwohl das Motorrad jetzt im Prinzip fertig ist, ist das Projekt noch nicht beendet. In der Garage liegen schon 4 Conic-Auspuff-Rohre von Louis und die Krümmer einer Original-Auspuff-Anlage. Denn zu einer echten Four, gehört m.E. nun mal eine Vier-Rohr-Anlage. Doch das wird ein hartes Stück Arbeit dafür den TÜV-Segen zu erhalten. Am zeitlichen Horizont steht schließlich noch das Jahr 2024, dann wird die Sevenfifty 30 Jahre alt und ganz sicher ihr H-Kennzeichen bekommen, womit sich auch alle zukünftig zu erwartenden Probleme in Bezug auf Abgas-/Sicherheitsvorschriften erledigt haben werden.

Doch bis dahin ist noch viel Zeit zum Fahren und Genießen!